SPORT BILD: Herr Bohmann, die vielleicht spannendste Bundesligasaison aller Zeiten liegt seit drei Wochen hinter uns. Erst an diesem Sonntag bestreitet die 2. Liga ihr letztes Spiel. Warum so spät? Können Sie das unseren Lesern kurz erklären?
Frank Bohmann (60): Am 27. April ist es im Spiel zwischen Essen und Dessau, zu einem erheblichen Regelverstoß gekommen. Dessau hat drei Sekunden vor Schluss einen Spieler zu viel eingesetzt und das Spiel am Ende mit einem Tor gewonnen. Dagegen hat TuSEM Essen Einspruch eingelegt. Das Bundesgericht hat dem am 12. Juni in zweiter Instanz stattgegeben und entschieden, dass das Spiel wiederholt werden muss, weil es ein spielentscheidender Eingriff war. Deshalb ist dieses Wiederholungsspiel aus unserer Sicht der einzige Weg, um die endgültige Tabelle und damit auch den zweiten Absteiger festzustellen. Bei Dessau steht der Abstieg noch im Raum, wenn sie nicht mindestens einen Punkt holen. Dann bliebe der ursprünglich Vorletzte, ASV Hamm, in der 2. Liga.
Emotionen pur: Der Meister-Moment der Füchse!
Es kam in der vergangenen Saison zu zwei weiteren Spielen, in denen ein Mann zu viel auf dem Feld war. In Minden wurde beim gegen Dessau ein Tor vergessen. Hat die 2. Liga ein Schiedsrichter- bzw. Kampfgerichts-Problem?
Es gab tatsächlich eine Anhäufung von gravierenden Fehlern. Wo Menschen arbeiten, passieren nun mal Fehler. Wenn sie in so einer Häufigkeit auftreten, die Ergebnisse so knapp und dann auch spielentscheidend sind, dann ist das umso ärgerlicher. Hierbei spielt es keine Rolle, dass Schiedsrichter, Zeitnehmer und Sekretäre nicht in der HBL, sondern im DHB organisiert und geführt sind. Die Anforderungen an das Schiedsrichterwesen sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Mehr Spiele in der Woche, was für Schiedsrichter, die alle auch noch einen Beruf ausüben, schwerer zu organisieren ist, ein schnelleres Spiel und durch die gestiegene Qualität der TV-Produktion wird auch jeder Fehler offenbar. In Minden gab es keinen Torklau, sondern es war einfach eine uneindeutige Anzeige der Schiedsrichter. Sie haben das Tor zurückgenommen.
Natürlich können Fehler passieren, aber so ein spätes Wiederholungsspiel ist für alle Beteiligten ärgerlich.
Ich hätte es auch lieber vermieden, aber gerade, wenn an den letzten Spieltagen Einsprüche geltend gemacht werden, sind nachzuholende Spiele bis zum Ende des Spieljahres möglich. Dies ist nach den auch durch die HBL-Clubs mitbestimmten Regeln so vorgesehen. Wir als Hüter der Regeln können gar nicht anders, als nach diesen Regeln vorzugehen. Wir werden gemeinsam mit den Schiedsrichtern, Zeitnehmern und Sekretären Maßnahmen entwickeln, die das Risiko von Fehlentscheidungen vermindern. Dazu gehört möglicherweise auch der Einsatz des Videobeweises auch in der 2.HBL, der die Qualität der Schiedsrichterentscheidungen verbessert. Die Clubs der 2.HBL haben sich für den Einsatz zur kommenden Saison noch nicht entscheiden können. Die HBL wird sich weiter für den Einsatz starkmachen.
Liga-Boss Bohmann: „Das ist der einzige Weg“
Essen und Dessau hatten offenbar Mühe, ihre Spieler aus dem Urlaub zusammenzutrommeln. Sie wurden zitiert mit dem Satz: „Wer in den Urlaub fährt, muss ich sagen, selber schuld“ Sind Sie wirklich so herzlos?
Nein, ich bin nicht herzlos. Und der Satz wurde auch aus einem Interview raus filetiert. Vielleicht habe ich das auch zu salopp formuliert. Natürlich meine ich damit nicht, dass ich den Spielern keinen Urlaub gönne. Im Gegenteil. Vielmehr ist damit gemeint, dass allen Beteiligten mit dem Einspruch am 27. April klar war, dass ein Wiederholungsspiel sehr gut möglich ist. Sich erst nach dem zweiten Urteil des Bundesgerichts damit zu befassen, wo man jetzt die Spieler hernimmt, das halte ich für zu kurz gemanagt. Wenn ein Spieler nach Argentinien, einer nach Indonesien fliegt, dann muss man vorher mit diesen Spielern gesprochen werden.
Sie können dort aber auch Erfreuliches vermelden: Kürzlich haben Sie die TV-Rechte an der Dakin HBL nach Indien verkauft. Wie kommt das denn?
Das ist Teil unserer Strategie, um neue Märkte für die Daikin-HBL zu erschließen und das Thema Handball auch international zu entwickeln. Wir haben die TV-Rechte nicht nur nach Indien verkauft, sondern in 18 weitere Länder Südostasiens. In Indien gibt es 400.000 aktive Handballer und damit einen der ganz großen Verbände in der Welt. Für uns ist es tatsächlich eine Möglichkeit, den Handball in Märkte zu tragen, gerade in große Sportmärkte, wo er derzeit noch keine große Rolle spielt. Da sehen wir uns als Lokomotive, als Anschieber für den Handball insgesamt. Es werden in den nächsten Monaten weitere Medienpartnerschaften in Asien und Nord- und Südamerika abgeschlossen.
Mit Gerd Butzeck bewirbt sich im Dezember erstmals ein Deutscher um das Amt des Präsidenten im Handball-Weltverband. Wäre seine Wahl ein weiterer Booster für die HBL?
Die Wahl ist für die HBL und für den Handball insgesamt sehr, sehr wichtig. Wenn man die Sportarten untereinander vergleicht, dann ist der Handball weltweit in den letzten Jahren hinter Volleyball und Basketball zurückgefallen. Das ist nicht einzig die Schuld des Weltverbandes, aber aus meiner Sicht wird zu wenig zur Produktentwicklung in vielen Märkten getan. Der Wettbewerb zwischen wenigstens zwei Kandidaten gibt einem die Wahl, und da spielen die zur Wahl stehenden Personen nicht die wichtigste Rolle.
Sondern?
Die HBL, die über sehr gute Kontakte zu vielen europäischen und außereuropäischen Verbänden verfügt, wird den Kandidaten empfehlen, der das schlüssigste Konzept und eine nachvollziehbare und ambitionierte Strategie zur Entwicklung des Welthandballs vorlegt. Da ist bislang nicht genug passiert. Es gibt riesige Defizite in der Digitalisierung, in der Kommunikation, Vermarktung und auch in der Transparenz. Und wir müssen auch anstreben, dass der Handball seinen olympischen Status verbessert. 2004 war der Handball beim IOC noch in der Kategorie B – Top-Sportart – Mittlerweile ist er in die Kategorie D – Sportart, die zu überprüfen ist – abgerutscht. Daran müssen wir dringend arbeiten und brauchen neue Impulse und eine marktgerechte Ansprache. Das reicht derzeit nicht aus und darüber hinaus bin ich nicht davon überzeugt, dass der jetzige Präsident Hasan Mustafa, der viele Verdienste hat, noch mit 81 Jahren körperlich in der Lage ist, so eine Legislatur durchzustehen. Das ist auch ein Knochenjob.
Und wie hat sich ihr eigener Laden entwickelt? Wie steht es um die HBL?
Wenn ich jetzt allein die letzten drei Jahre nehme, dann ist die Entwicklung wirklich so aufstrebend wie nie zuvor in meiner HBL-Zeit (seit 2003; d. Red.). Wir hatten auch davor gute und auch weniger gute Zeiten, Aber alle Indikatoren, die wir messen, zeigen momentan wirklich steil nach oben. Die Liga plant, in der kommenden Saison mit einem Umsatz von rund 220 Millionen Euro, da kommen noch knapp 30 Millionen zentraler Umsatz durch die HBL dazu, die man allerdings nicht eins zu eins drauf rechnen kann. Das ist fast eine Verdopplung der Umsätze gegenüber der Zeit vor der Pandemie – und auch eine deutliche Steigerung gegenüber den vergleichbaren Sportarten Basketball und Eishockey in Deutschland. Wir erzielen einen Zuschauerrekord nach dem anderen, haben auch wegen unserer Medienpartner Dyn und ARD Medienreichweiten wie noch nie und nicht nur internationale Weltstars spielen in der Liga, sondern auch eine Vielzahl deutscher Spieler auf allerhöchstem Niveau.
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